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Traumatisiert? oder einfach hochbegabt???

Viele Phänomene, die auf Trauma hinweisen, sind auch Zeichen einer Hochbegabung. Daher ist es möglich, dass du eine psychiatrische Diagnose oder ein negatives Selbstbild hast, aber eigentlich (nur oder auch) hochbegabt bist. 

Im Grunde ist das ein gesellschaftlicher Super-GAU.  Auf soviel Potential zu verzichten und sich stattdessen zu erlauben, hochbegabte Personen zu übersehen und alleine zu lassen.

Ein Missverständnis ist, dass hochbegabte Menschen es schon selbst schaffen werden, weil sie ja so klug sind. Das stimmt manchmal und oft auch nicht. So ganz ohne Unterstützung kommt kaum jemand aus: Manche haben eine Familie, die das Kind von Anfang an gut spiegeln und fördern kann, die für eine passende Beschulung sorgt und sich um das Gedeihen von Begabungsanlagen kümmert.

Allgemein gitl, auch der hochbegabte Mensch denkt erstmal, die anderen sind wie ich. Er oder sie ist aber eine seltene Minderheit und braucht inbesondere in seinen/ihren frühen Jahren eine erwachsene, kompetente Person, die vermitteln hilft und die Individualität und das Potential fördert. 

Wenn Menschen mit großem Potential nicht in einer förderlichen Umgebung aufwachsen, in Elternhaus oder spätestens in der Schule als solche erkannt und unterstützt werden,  nutzen sie häufig ihre Talente, um sich anzupassen ("Masking", Begriff eigentlich aus der Autismus-Therapie), weil sie natürlich (!) dazugehören wollen. Zugehörigkeit ist ein existentielles Bedürfnis, lebenslang, und in frühen Jahren noch mehr, da nur in Zugehörigkeit Überleben möglich ist.  Anpassung in einem hohen Maß kann sich aber nie richtig oder passend anfühlen. Daraus können sich dann ernsthafte Symptome entwickeln, z.b. ein Gefühl der Selbstentfremdung, Depressionen, Einsamkeit etc. 

Doch noch einmal zu den Überschneidungen mit psychischen Erkrankungen zurück:

Allgemein sind Menschen mit Hochbegabung sehr intensiv. Intensive Emotionen können fehldiagnostiziert weden als Borderline Störung. Intensive psychomotorische Aktivität als ADHS. Intensive Erregbarkeit als hochgefahrenes Nervensystem ("Global High") im Sinne einer (K-)PTBS. Sozialer Rückzug aufgrund von Nichtverstandenwerden und Anderssein mit intensiver Beschäftigung mit einem Thema als Autismus-Spektrums-Störung. Usw. (James T. Webb: Fehl- und Doppeldiagnosen bei Hochbegabung). 

Und häufig hat ein Mensch "Läuse und Flöhe", sogar "Lausflöhe". "Läuse und Flöhe" wären bildhaft ein Nebeneinander von (erkannter oder nicht erkannter) Hochbegabung, die nicht gut adressiert wird und einer davon eher unabhängigen Nichtpassung in der frühkindlichen Umgebung, wie ich es in anderen Beiträgen beschreiben haben. "Lausflöhe" wäre die Gemengelage, die entsteht, wenn die nichterkannte Hochbegabung selbst zu Bindungstrauma führt, z.B. wenn das Kind von Beginn an für seine Wachheit, Neugier, Auffassungsgabe, Emotionalität usw. beschämt oder bestraft oder einfach nur für seltsam gehalten wird. 

Tatsächlich wird erst in den letzten Jahren diese Dynamik in den Blick genommen, als Verdienst von Menschen wie Andrea Schwiebert oder Jennifer Harvey Sallin.

Bestimmte existentielle Fragen stellen eher Menschen mit hohem allgemeinen Potential, z.B. die Wahrnehmung von und das Leiden an Ungerechtigkeit, der vielen Gewalt auf der Welt, die Endlichkeit und Kleinheit des eigenen Seins können zu existentiellen Depressionen führen, die auf einer individuellen Ebene gelöst werden müssen. Sie sollten auf der therapeutischen Seite Verständnis erwecken und nicht banalisiert oder als Selbstignoranz interpretiert werden. Die Fragen sind im Raum und von Bedeutung für den Menschen. 

Ebenso können die hochbegabungstypischen Persönlichkeitsmerkmale nicht "wegtherapiert" werden, der Mensch IST so und wird seine Intensität behalten. Sinnvoll ist es, die "Flöhe/Läuse"-Frage zu klären, was ist Anpassung, was gehört zu mir, einen Umgang mit der eigenen Intensität zu finden. Es ist einfacher, in der Normalo-orientierten Welt zu leben, wenn an anderer Stelle Menschen sind, die auch so sind, Freude an Intensität haben und so einen Platz zu haben, wo man sich richtig fühlt. 

(Die gilt in ähnlicher Weise für Menschen, die sich in anderen Minderheiten wiederfinden, ob es Hautfarbe, sexuelle Orientierung, andere Neurodiverisitäten etc. sind. Die Kombination von mehreren Minderheiten-Zugehörigkeiten - Intersektionalität - nötigt dem betroffenen Menschen weitere Bewältigungsstrategien ab).