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Hochbegabung: Kummer in Psychotherapien

Ein hochbegabter Mensch mit einem Problem entschließt sich, aus seinem "ich schaff das schon alleine"-Konzept auszusteigen und sucht sich eineN TherapeutIn. Folgendes kann passieren:

Hochbegabung ist - tatsächlich - im Psychologie-Studium kein Thema.

Punkt. Du kannst davon ausgehen, dass deinE TherapeutIn in dem Punkt auf demselben Stand ist wie deine Nachbarin, es sei denn, sie ist auf anderem Wege damit in Berührung gekommen, über die Arbeit in einem bestimmten Umfeld oder private Umstände. Dafür kann die Therapeutin nichts, so ist bisher die Ausbildung organisiert. 

Oft gehört: Selbst wenn die Person von ihrer Hochbegabung weiß, kommt sie damit nicht bei der Therapeutin an. Die Hochbegabung ist uninteressant, weil sie von außen als ein rein positiv wirksames Element und nur bezogen auf eine hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit wahrgenommen wird. Es geht ja um das Problem. Hochbegabung kann mit Problemen nichts zu tun haben. Wenn man also bei einer Therapeutin damit vorstellig werden möchte, kann es sein, dass zunächst Aufklärungsarbeit nötig ist, die leider der hochbegabten Klientin obliegt und ein offenes Ohr auf Seiten der Therapeutin erfordert (die tendenziell schon ausgelastet ist). 

Weiß die Klientin nichts von ihrer Hochbegabung, und ist die Therapeutin auf die übliche Weise informiert, werden die hochbegabungstypischen Besonderheiten in Normalo-Kontexte interpretiert. Hier kann es u.U. zu den in einem anderen Artikel schon genannten Fehldiagnosen kommen (bipolar, Borderline, Narzissmus, Depression etc), welche schwerwiegende Folgen für die Behandlung haben können. 

Auch nicht unbedingt krankheitswertige Eigenschaften, wie z.B. Perfektionismus, können für Hochbegabte eine andere Bedeutung haben. Für ihn oder sie ist ein "Ding"  noch nicht fertig oder nicht schön und er/sie möchte das Ding "richtig" haben, entsprechend einem inneren Bild. Das ist quasi eine Art natürlicher Perfektionismus. Wenn man den Menschen zu einem 70 oder 80% Level bringen möchte (gut genug sein), verletzt er sich damit praktisch selbst. Damit muss man anders umgehen als z.B. mit einem pathologischen Perfektionismus, der aus einem Gefühl von eigener Unzulänglichkeit entsteht. Man kann natürlich auch beides haben.

Einsamkeit und Mismatch mit den Mitmenschen würde als Mangel an Beziehungsfähigkeit verstanden, vielleicht noch mit einer gesellschaftskritischen Perspektive. Der hochbegabte Mensch hat aber andere Bedürfnisse, z.B. kein Interesse an Smalltalk, und es kommt aus der Unterschiedlichkeit des Denkens und bestimmter Eigenschaften zu großen Missverständnissen in seinen Freundschaften.  Hier müsste ein gegenseitiges Verständnis etabliert sowie Kommunikation verbessert werden, und nicht der hochbegabte Mensch pathologisiert werden. Die Anpassungsleistungen, die Hochbegabte häufig leisten (müssen), um in eine Gruppe hineinzupassen, werden nicht wahrgenommen. Mit einer für neurotypische Menschen zugeschnittenen Behandlung entfernt sich die Hochbegabte weiter von sich selbst. 

Eine Depression kann eine andere Dimension haben als bei normalbegabten Menschen. Vor allem höchstbegabte Menschen denken grundsätzlich in Systemen, ans Große und Ganze, und haben das Bedürfnis, dass eine Antwort in ihrer Größe dazu passt. Sie können leiden an der Ungerechtigkeit der Welt und daran, dass sie die Schönheit des Planeten nicht ganz erfassen können. Das ist bei ihnen keine Strategie, um vom eigenen Thema abzulenken. Gut zu wissen und gut, wenn therapeutisch damit umgegangen werden kann. 

Die therapeutischen Beziehung zeigt besondere Herausforderungen: Hochbegabte haben häufig ein gutes Gespür für das Gegenüber. Sie bemerken, was der andere braucht, wie sie sein oder sich verhalten müssen, und bedienen das. Das kennen sie häufig aus ihrem Alltagsleben, ach, so läuft das hier (Muster erkennen) und dann tue ich das mal so (Masking). Oder eben nicht, eckt dann an und ist "draußen" (Ambivalenzdilemma). Das sollte eigentlich ein Hauptthema der Therapie sein, wird nicht erkannt und damit nicht bearbeitet, sondern eher verstärkt. 

Möglicherweise versteht die Therapeutin die Hochbegabte nicht in ihrer Komplexität. Unbewusst springt das "Vereinfachungsprogramm" an oder der Gedanke, ich bin eine schlechte Klientin, ein schwerer Fall. Der Therapeut arbeitet u.U. mit Programmen. Das kann für Hochbegabte in eine ähnliche Richtung führen, die schon in der Schule stattgefunden hat, Frustration, Verstärkung der Einsamkeitsgefühle. Und, ein  heißes Eisen, der oder die TherapeutIn fühlt sich der hochbegabten Person unterlegen. Wenn sie sich dessen bewusst wird, kann sie damit umgehen (lernen), wird sie das nicht, kann es zu allen möglichen seltsamen Konsequenzen führen, z.B. Machtkämpfe, Dominanzbemühen, und das mit einem Menschen, der aufgrund schwerwiegender Probleme Hilfe sucht. Einfache Missverständnisse aufgrund von unterschiedlichen Denkstilen wären schon schwerwiegend genug. 

Eine Hochbegabung, die als solche gar nicht erst sein darf (häufig vorkommend bei Frauen und Menschen aus bildungsfernen Umgebungen), braucht jemanden mit einem Auge dafür. Es wäre ganz wunderbar, wenn die "normalen" Therapeuten, zu denen ja jeder zunächst hin geht, das besser wahrnehmen könnte. 

Ich glaube nicht, dass es unbedingt ein hochbegabter Therapeut sein muss. Ein gut eingestimmter Therapeut, der über Hochbegabung informiert ist, das Thema interessant findet, selbst einen gutes Selbstbewusstsein und Standing in seiner Tätigkeit hat, kann gut geeignet sein, um Übersetzungshilfe zu sein und die anderen nicht-intellektuellen Aspekte der Persönlichkeit zu fördern, die Emotionalität, Verkörperung, Entspannung, Mensch unter Menschen zu sein. 

Eine hochbegabte Therapeutin mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Denken, Emotionalität und Körper umfasst, kann dem hochbegabten Klienten intellektuell begegnen: Tempo und Komplexität mitgehen, das geteilte Erleben spiegeln. Häufig sind Gefühle durch Gedanken gedeckelt, wir können lernen, diese wieder erlebbar zu machen, den Körper als Heimat zu erleben und ganz Ich selbst sein zu dürfen, mit dem ganzen Reichtum, der uns geschenkt wurde. 

Zu Therapiemethoden schreibe ich in einem anderen Post.